Haushaltsrede zum Doppelhaushalt 2007/2008
der Kreistagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen
Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrter Herr Landrat, sehr verehrte Damen und Herren,
es gibt sie, die Artenvielfalt rund um den Kermeter: Mehr als 460 besonders schützenswerte Arten wurden gemäß der roten Liste nachgewiesen. Doch auch in der Politik wurden sie gesichtet; besonders schützenswerte Exemplare mit bedauerlicherweise geringer Halbwertszeit von nur etwa ein bis zwei Jahren. Sind sie Ihnen auch schon begegnet? Die Helden der Fiktion des Haushaltsausgleiches? In Mechernich tummeln sich einige dieser sonderbaren Exemplare. Dank der konsequenten Anwendung des NKF rutscht die Stadt Mechernich nämlich aus dem Haushaltssicherungskonzept und wird, solange noch genügend Eigenkapital vorhanden ist, auch nicht wieder hinein müssen. Gemäß dem NKF ist ein Haushalt ausgeglichen, wenn der Aufwand kleiner ist als der Ertrag und auch wenn der Fehlbetrag aus dem Eigenkapital gedeckt werden könnte. Keinerlei Rolle spielt es hierbei, dass es sich nur um reine Fiktion des Haushaltsausgleiches handelt. Glücklicherweise müssen Kommunen dank eines finanziellen Rechentricks - anders als die freie Wirtschaft - nicht wirklich liquide sein, um einer Insolvenz zu entgehen.
Ein neues Haushaltssicherungskonzept droht erst, wenn die allgemeinen Rücklagen in zwei aufeinander folgenden Jahren um mehr als 5 % verringert werden. Und da die Stadt Mechernich ihre Ausgleichsrücklagen von 7,5 Mio. Euro voraussichtlich erst 2008 aufgezehrt hat, müsste sie erst dann 5 % der allgemeinen Rücklage in Anspruch nehmen. Bedient sie sich ein zweites Mal, wäre jedoch endgültig Schluss und das HSK die sichere Konsequenz.
Auch in Zülpich wurde eine ganz besondere Spezies gesichtet:
Diese haust auf einem gigantischen Schuldenberg inmitten des HSK`s. Auf diesem Fundament planen die Zülpicher die Bewerbung für die Ausrichtung der Landesgartenschau 2010. Selbst Kosten von ca. 10 Mio. €, bei einem 50 %igen Eigenanteil, schrecken überhaupt nicht. Dank der Auslegung des NKF wird auch hier mit ein- bis zweijähriger Halbwertszeit ein ausgeglichener Haushalt vorgelegt werden. Damit alle fiktiven Gäste der LAGA den wunderbaren Schuldenberg Zülpichs beobachten können, soll rund um den Wassersportsee eine Promenade mit freier Sicht angelegt werden. Da man in Zülpich sowieso nicht besonders auf Bäume steht, soll das Kärgliche an Bestand rund um den See konsequent dem Kahlschlag zugeführt werden.
Wir sehen, wie schlau die Menschen dieser Region nun mal so sind! Wer gemäß dem neuen NKF schnell rechnet, wird eben schnell reich! Schließlich spielt Geld hierbei sowieso keine Rolle!
Noch ein anderer Held wurde gesichtet:
Herr Ackermann von der Deutschen Bank, der nicht weiß, ob er 20 oder 25 Mio. Euro als Gehalt bezieht. Es ist leider keine Fiktion, dass mit diesem einen Gehalt zwischen 2- und 400 Arbeitsplätze zu schaffen sind. Aus zuverlässiger Quelle wurde mir zugetragen, dass der Mann so viel verdienen muss, um all die belegten Deutschintensivkurse bezahlen zu können. Im Übrigen stiegen die Bezüge der Aufsichtsräte in 2006 durchschnittlich um ca. 16 %.
Da in der Nation die größten sozialen Sauereien den Namen von Managern tragen, wäre zu überlegen, ob für Fensterputzer nicht eine Ackermann-Abgabe fällig wäre. Getreu dem Motto: Wer für Durchblick sorgt, muss zahlen! Vielleicht wäre dies sogar ein Betätigungsfeld für unseren geschätzten Adolf Schmitz, damit die örtliche Entsorgungswirtschaft entlastet würde.
Sehr verehrte Damen und Herren,
auf der Suche nach Exoten fanden wir weitere bedeutsame Exemplare außerhalb der Kreisgrenzen. Da diese der räuberischen Art zuzuordnen sind, schränken sie die Entwicklungsmöglichkeit der Arten im Kreis Euskirchen immer weiter ein.
1. Merkelland
In der CDU-dominierten Bundesregierung gilt der Maßstab, alle bürokratischen Hemmnisse auszuräumen, um der „individuellen Leistungsfähigkeit“ freien Raum zu geben. Weil dies nun mal mit erheblichen räuberischen Akten verbunden ist, kürzt sie die Entfernungspauschale und den Sparerfreibetrag. Zudem hebt sie die Mehrwertsteuer an. Merkelland! Wohin sollen wir der Kanzlerin folgen?
Liebe Angela, bitte nimm doch endlich die vom deutschem Volk übertragene Verantwortung wahr und regiere das Land. Nur wer vollen Einsatz bringt, hat Chancen! Das Volk hört, doch es hört nichts, selbst auf dem Höhepunkt des Streites über die Gesundheitsreform ließ die Kanzlerin es an einem Machtwort fehlen. Wenn der Generalsekretär der CDU, Ronald Pofalla vom Brötchenholen für seine Fraktion zurückkommt, wird er den Kopf für den Streit zwischen Zentrale und den Provinzfürsten hinhalten. Der Parteitag Ende November hat’s gerichtet! Man muss bei dieser CDU mit allem rechnen und das immer!
Nun liegt er vor, der erste Haushalt der großen Koalition im Bund. Ca. 270 Milliarden Euro wird der Bund im nächsten Jahr ausgeben. Weil aber bedauerlicherweise die Steuereinnahmen dafür nicht ausreichen, werden eben 39 Milliarden Euro - gemäß Haushaltsentwurf - an neuen Schulden aufgenommen. Nur auf Grund einer Sonderregelung für Deutschland verstößt dies nicht gegen den europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt.
Innerhalb der großen Koalition ist das Verhältnis zur wirtschaftlichen Realität und zu einer soliden Finanzpolitik nach wie vor erheblich gestört. Während die privaten Haushalte im Vorjahr mehr gespart haben und zudem ihr Vermögen durch Wertsteigerung gewachsen ist, hat der Bund Vermögen abgebaut und Substanz verzehrt. Insgesamt beträgt die Staatsverschuldung über 7 Billionen Euro. Dies entspricht etwa der Summe, welche die BundesbürgerInnen nach Abzug der Schulden an Geld und Immobilienvermögen besitzen. Doch auch dieses Jahr wieder entschloss sich die große Koalition, im Widerspruch zu ihrem Koalitionsvertrag, zur Finanzaufnahme. Dieser Weg wird den meisten privaten Haushalten verwehrt. Mehr als 3 Mio. Haushalte in Deutschland sind überschuldet; mehr als 5 Mio. Menschen haben keine Arbeit und selbst Durchschnittsverdiener können für ihre private Altersvorsorge oder die Gesundheit kaum noch Geld locker machen. Neben der höchsten Ausgabe im HH-Plan mit ca. 122 Milliarden Euro für Arbeit und Soziales folgt gleich an 2. Stelle die jährlich zu begleichende Bundesschuld mit ca. 40 Milliarden Euro. Solche Schulden wollen verwaltet werden. Insofern mag es nicht verwundern, dass der HH-Posten für die allgemeine Finanzverwaltung eine Steigerungsrate zum Vorjahr von knapp 50 % aufweist.
Sehr verehrte Damen und Herren,
wir ziehen die Lehre, Schulden verwalten ist nun mal sehr teuer. Je höher das Defizit, desto teurer die Verwaltung. Rechnet man aus der Staatsverschuldung die langfristigen Zusagen des Bundes, der Länder, der Kommunen und der Sozialversicherungsträger heraus, so beträgt die Schuldenlast immer noch 1,5 Billionen Euro. Jeder Deutsche steht durch die Verschuldung der öffentlichen Hand mit ca. 19 T€ in der Kreide. Gegenüber 2004 ist dies ein Anstieg um fast 5 % oder ca. 700 Euro pro Bürger und Bürgerin. Mehr als die Hälfte der Schulden am Kreditmarkt entfallen auf den Bund. Der weitere Trend ist ungebrochen. Die Bundesregierung und fast alle Landesregierungen geben nämlich keine Zusage darüber, wann eigentlich Schluss ist mit den alljährlichen Neuverschuldungen. Ob überhaupt noch ein Abtragen des gigantischen Schuldenberges möglich ist, darf bezweifelt werden. Ganz offensichtlich fehlt in der Nation ein Automatismus, der Optimierungspotenziale erschließt und Sparleistungen regelt.
Weiterhin wäre es durchaus denkbar, den Ländern einen eigenen Spielraum in der Steuerpolitik durch Zu- oder Abschläge bei bestimmten Steuern zu eröffnen. Käme dann ein Land mit den Einnahmen nicht hin, so könnte es höhere Steuern für bestimmte Leistungen verlangen. Ein solcher Versuch versetzt die Landespolitiker derart unter Druck, dass sie lieber rechtzeitig unsinnige Ausgaben in ihrem Landesetat kürzen, als eine Abwahl und damit verbundenen Regierungswechsel in Kauf zu nehmen.
Doch mit dem Sparen ist es wie mit dem Rauchentzug: sind erste Erfolge eingetreten, so droht sogleich der Rückfall ins alte Verhaltensmuster, obwohl das milliardenschwere EU-Defizitverfahren gegen Deutschland vorerst ausgesetzt ist, sind die Etatrisiken im Bundeshaushalt aber nach wie vor enorm. Vor allem die milliardenschweren Probleme mit Hartz IV hat die Regierung noch längst nicht im Griff. Auch das Wirtschaftswachstum im Jahr 2007 wird durch die Mehrwertsteuererhöhung neutralisiert.
Bedauerlicherweise hilft es hierbei auch wenig, die ursprünglich eingestellten 40 Milliarden Euro Neuverschuldung für 2007 durch kräftig sprudelnde, überraschend prognostizierte Steuereinnahmen, unter 20 Milliarden Euro zu drücken. Demgegenüber sind nämlich Investitionen in Höhe von 24 Milliarden Euro eingeplant. Objektiv scheint es nicht erklärbar, warum die Wirtschaft so stark wächst, dass die Zunahme der Steuereinnahmen jedes erklärbare Maß sprengt. Überall klingeln die Kassen lauter als es sich mit den Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung erklären lässt. Unerklärlich erscheint es in diesem Zusammenhang, dass die Bundesregierung die unter viel Verzicht der Arbeitnehmer zurückgewonnene Stärke der deutschen Wirtschaft durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer leichtfertig aufs Spiel setzt. Diese Maßnahme, sehr verehrte Damen und Herren, ist und bleibt falsch!
Es entspricht der logischen Konsequenz, dass die Herbstgutachter scharf die Politik der großen Koalition kritisieren. Ihre Bilanz der Regierungspolitik fällt regelrecht vernichtend aus! Die Pläne zur Unternehmenssteuerreform werden als untauglich abgelehnt. Die Kritik an der Gesundheitsreform reiht sich ein in den Widerstand, der von allen Seiten geäußert wird. Auf den Punkt gebracht, bremst die große Koalition nach Ansicht der Wirtschaftsforschungsinstitute den Aufschwung aus! Vor allen Dingen wird ein schlüssiges Konzept in der Vernetzung der einzelnen Reformen vermisst. Vor dem Hintergrund einer nie da gewesenen Mehrwertsteuererhöhung in der Bundesrepublik sind heftige Zweifel an Höhe und Zeitpunkt der Umsetzung angebracht. Hierzu äußert sich der Wirtschaftsminister Glos sehr tiefgründig: „Die Vorschläge der Gutachter sind oft sehr gut formuliert und sehr gut gemeint, aber kein Politiker liest sie“. Weiter leitet er ab, das neue Frühjahrsgutachten 2007 sei einfach entbehrlich, da die Bundesregierung sich die Expertise jährlich ca. 1,3 Mio. Euro kosten lässt. Eine wahrlich kreative Sparleistung!
Sehr verehrte Damen und Herren,
hieraus ziehen wir eine zweite Lehre: Wird die Bundesregierung von namhaften Wissenschaftlern kritisiert, entzieht sie ihnen einfach den Auftrag. Damit bleibt die Wirrnis in den eigenen Reihen und wird nicht öffentlich. Es wäre eigentlich ganz einfach, so zu verfahren, gäbe es nicht Indikatoren, die die Konsequenz der völlig fehlgeleiteten Bundespolitik deutlich machten. Die Friedrich-Ebert-Stiftung ermittelte in der Bevölkerung der Bundesrepublik den Anteil der Armen mit 8 %. Nach diesen alarmierenden Berichten über den Zustand der Armut in Deutschland debattieren die Parteien über geeignete Mittel zur Abhilfe. Sowohl SPD als auch CDU lehnen aber eine Aufstockung staatlicher Hilfen ab. Der Schwerpunkt soll hier nicht „Helfen“ sondern „Anreizsetzung“ sein. Dies ist zynisch! Da in Deutschland besonders Kinder, Alleinerziehende, Arbeitslose, ältere Menschen und Behinderte betroffen sind, ist die Diskussion eines Anreizsystems in den überwiegenden Fällen eine bodenlose Frechheit. Selbst der Bundespräsident übt harsch Kritik an seiner eigenen Partei.
Gemäß Definition gilt in Deutschland als arm, wer weniger als 938 Euro zur kompletten Bestreitung seines Lebensunterhaltes, incl. Mieten und sonstiger Zahlungen, zur Verfügung hat. Armut ist eng mit dem Existenzminimum verzahnt. Ohne Miete liegt das Existenzminimum für einen Hartz IV-Empfänger bei 345 Euro im Monat. Nun haben es die Führungsetagen endlich schriftlich: Die Politik der letzten Jahre hat eine Umverteilung des Volksvermögens von unten nach oben eingeleitet. Dieser schleichende Prozess der Verarmung war abzusehen und wohl mehrheitlich so gewollt!
Leider ist an ein Ende nicht zu denken, da auf Grund der Rentenprobleme auch die Altersarmut ansteigen wird. Über Generationen hinweg wird die Entwicklung von Zukunftsperspektiven für die Betroffenen nahezu unmöglich, da sie letztlich von Wohlstand, Bildung und Kultur ausgeschlossen bleiben. Es stellt sich die Frage, ob es nicht ein historischer Fehler der Arbeitnehmer und ihrer Vertreter war, in der oft vergeblichen Hoffnung auf Erhalt von Arbeitsplätzen, sich Zugeständnisse bezüglich Lohnverzicht und Arbeitszeitverlängerungen abpressen zu lassen. Die neuesten Fälle in der deutschen Wirtschaftsgeschichte scheinen dies eindrucksvoll zu belegen. Das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest führt aus, dass in 30 % der gesellschaftlichen Struktur in Deutschland Unzufriedenheit mit der sozialen Realität und das Risiko der sozial- und bildungspolitischen Abkoppelung wächst. Die strategische Herausforderung besteht also darin, den oberen Teil der Gesellschaft, die verunsicherte Arbeitnehmermitte und die erreichbaren Gruppen im unteren Bereich politisch wie gesellschaftlich zu integrieren. Die zwingende Grundvoraussetzung für Zukunftsperspektiven ist der Zugang zum Bildungssystem. Doch gute Schulbildung ist auch teuer. Gemäß Ausführungen des Statistischen Bundesamtes fallen pro Schüler im Bundesdurchschnitt jährlich ca. 4600 Euro an. Den größten Teil hierbei machen die Personalkosten aus. Zwischen den Bundesländern allerdings gibt es hierbei große Unterschiede. Ist Hamburg mit ca. 6000 Euro je Schüler führend, so liegt Nordrhein-Westfalen mit 4300 Euro auf vorletzter Position des Rankings. Nicht weniger elementar ist die Aufrechterhaltung des allgemeinen Gesundheitszustandes eines ganzen Volkes. Es verwundert nicht, dass die Kritik an der Gesundheitsreform ebenfalls vernichtend ausfällt. Alle ursprünglich formulierten Ziele werden hierbei verfehlt. Schlechtere Leistungen werden zu höheren Preisen mit mehr Bürokratie, geringerer Durchschaubarkeit, großer Ungerechtigkeit und weniger effizient angeboten. Bei dieser Gesundheitsreform der Bundesregierung gibt es nur Verlierer. Die gesetzlichen Krankenkassen selbst haben keine andere Möglichkeit, als freiwillige Angebote, wie etwa Haushaltshilfe in Notfällen, oder präventive Gesundheitskurse nach und nach auf Null zurückzufahren. Wie blöd das laufen kann, hat der Maschinist Münte im Selbstversuch erfahren. Nachdem die Nahles ihm ein Beinchen stellte, Struck noch mal nachtrat, blieb ihm nur die Erkenntnis, sich gemäß des Grundsatzes „Nur Betroffenheit macht bewusst“, auf der Zielgerade der Verabschiedung der Gesundheitsreform noch einmal für eine Änderung einzusetzen.
Wie ist es erklärbar, dass für die gesamte Bevölkerung das Sterbegeld gestrichen wird außer für Ministerialbeamte, die für sich und ihre Angehörigen vom Staat noch 5- bis 10-tausend Euro erhalten?
Die große Koalition beschert uns weiterhin den Fortfall der Eigenheimzulage, die Kürzung der Pendlerpauschale, eine Halbierung der steuerfreien Zinserträge und den Vorzug des Renteneintrittsalters mit 67 von 2035 auf 2029. Sehr verehrte Damen und Herren, man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Bundes-SPD nur auf bessere Umfrageergebnisse wartet und die CDU hofft: Möge die Politik des Durchwurschtelns doch so schnell wie möglich vorüber gehen.
2. Land des Rüttgers
Hier im Land herrscht der Rüttgers mit seinem Wolf über das christlich-liberale Rudel. So stark die beiden auch sind, so kommen sie dennoch um einen Laumann in ihrem Arbeitsministerium nicht herum. Und dem macht man es wahrlich nicht leicht! 3000 Stellen werden bei Bayer-Industrie-Service abgebaut, 32.000 bei der Telekom. Beim Handyproduzenten BenQ in Kamp-Lintfort setzt man die Beschäftigten nach freiwilligem Lohnverzicht auf die Straße. Der Trend ist unaufhaltbar. Jobs in der industriellen Fertigung verschwinden, also gerade Jobs für Arbeitnehmer mit eher einfacher Ausbildung. Also wieder: Problemfall Bildung! Bildung ist halt teuer, und deswegen meint Rüttgers: Wer Hochschulbildung will, soll die auch bezahlen. Was sind denn schon 500 Euro pro Semester, wenn mann und frau doch sowieso kein Geld hat?
Trotz unerwarteter und hoher Zusatzeinnahmen hat auch der Rüttgers kein Geld und deshalb sollen den größten Brocken bei der Konsolidierung der Landesfinanzen in den nächsten Jahren eben die nordrhein-westfälischen Kommunen schultern! Der Haushalt des Landes mit einem Umfang von ca. 50 Milliarden Euro ist nur durch neue Schulden von gut 4 Milliarden Euro zu finanzieren. Damit liegt er immer noch um 1,1 Milliarden über der von der Verfassung vorgegebenen Grenze, denn die Investitionssumme liegt gut bei 3 Milliarden Euro. Es ist heftigst zu kritisieren, dass trotz Kürzungen in ca. 90 Positionen, überwiegend zu Lasten der Kommunen, erneut kein verfassungskonformer Etat vorgelegt wird. Trotz heftiger Proteste finden weitere erhebliche Streichungen im Sozial-, Kinder- und Jugendressort statt. Die Regierung kürzt ca. 18 Millionen Euro im Rahmen der Weiterbildung. Den Wohnungsbau fährt sie um weitere 18 Millionen Euro zurück. Meinte dies die FDP mit ihrem Projekt „18 plus“? Dem gegenüber steigen die Personalausgaben auf ca. 22 Milliarden Euro trotz Streichung von 3200 und geplanten weiterem Abbau von 12000 Stellen. Zusätzliche Kürzungen erfolgen bei der Frauenförderung und der Landesförderung von Krankenhausinvestitionen. 14000 Krankenhausbetten sollen in NRW abgebaut werden. Der Wohnungsbestand der Landesentwicklungsgesellschaft soll verkauft werden. Die Liste dieser Grausamkeiten ist nahezu beliebig fortzusetzen:
- Novellierung des Landespersonalvertretungsgesetzes zur Einschränkung der Mitbestimmungsrechte der Mitarbeiter im Landesdienst
Die Einschränkung der Mitbestimmung in Personalangelegenheiten soll für höhere und gerade interessante Besoldungsgruppen entfallen. Bei Technologieangelegenheiten will der Innenminister die Mitbestimmung der Personalräte gar gänzlich streichen. Umsetzungen in einer Behörde sollen auch restriktiver gehandhabt werden.
Gemäß der Reform soll im Streitfall keine Regelung mehr vor einer Einigungsstelle stattfinden, sondern das letzte Entscheidungsrecht liegt beim Dienstherren. Die Beteiligungsrechte der Mitbestimmung von Lehrern sollen im Rahmen der Gewährung von Freistellungen gar über 50 % reduziert werden.
Sehr verehrte Damen und Herren,
bereits aus diesen Gründen ließe sich eindeutig ableiten, dass die Ideen des Landesgesetzgebers eindeutig als arbeitnehmerfeindlich einzustufen sind. An keinem anderen Punkt ist der Leitsatz der Landesregierung, nämlich die Stärkung der Starken deutlicher auszumachen als in der Einschränkung der Arbeitnehmerrechte.
- Umstellung der Kindergartenförderung von Gruppen- auf Kopf-Förderung mit Orientierung am jeweiligen Betreuungsaufwand
- Reform der Gemeindeordnung
Hier plante die CDU sogar Wortbruch gegenüber der Wolf-Fraktion und stellt sich den Realitäten zur Beibehaltung einer gemeinsamen Wahl der Bürgermeister und Gemeinderäte. Doch aus Gründen zum Ausbau der örtlichen Machtplattform setzte sich die FDP durch.
- Umsetzung einer umstrittenen Polizeireform
Unter Fachleuten ist unbestritten dass diese Reform, die das Polizeiwesen erheblich schwächt, nur einem „Management bei Ruhestand“ entspricht. Der zweite Schritt ins weitere Chaos ist bereits geplant.
- Das Land schafft 37 Behörden ab
Sehr verehrte Damen und Herren,
lassen sie mich noch einen Punkt herausgreifen, der mir sehr am Herzen liegt: SGB 2 bzw. Hartz IV : Der Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse widersprach seiner Koalition und insbesondere seinen Genossen. In Deutschland existiere sehr wohl eine Zweiklassengesellschaft. Hartz IV sei jedoch nicht die Ursache dieser Entwicklung, sondern bringe die Armut lediglich an die Oberfläche, so Thierse. Gerade in NRW wird dieser Prozess deutlich. Vor diesem Hintergrund entwickelt Jürgen Rüttgers ein Gewissen und entdeckt die Gewerkschaft als Verbündete. Rüttgers erweckt seit Monaten den Eindruck, er wolle als sozialdemokratischster NRW-Ministerpräsident aller Zeiten in die Geschichtsbücher eingehen. Anfang August formulierte er den Satz „von den Lebenslügen der Union“: Steuersenkungen führten eben nicht zur Entstehung von Arbeitsplätzen!
Da die Umfrageergebnisse für ihn in den Keller gingen, bastelte er einen Vorschlag, dessen Nutznießer nahezu ausschließlich Männer in fortgeschrittenem Alter wären. Nur diese sind in aller Regel 30 bis 40 Jahre lang sozialversicherungspflichtig beschäftigt gewesen. „Wer lange einzahlt, soll auch länger ALG I beziehen“. Frauen mit Erziehungspausen, jüngere Arbeitnehmer und Familien mit Unterbrechungen ihrer Erwerbstätigkeit, sie alle hätten nichts von Rüttgers Vorschlag.
Ganz im Gegenteil, sie wären die Verlierer, denn in der CDU heißt es „ die Vorschläge seien kostenneutral umzusetzen“. In der Konsequenz bedeutet dieses nichts anderes, als dass ein 25-Jähriger, der nach 5 Jahren Berufstätigkeit entlassen wird, nicht wie bisher 12, sondern nur noch 6 Monate ALG I erhält. Ob dies der Grund ist, warum die Kanzlerin doch noch Rüttgers unterstützt? Und da dies so schön populistisch ist, darf die FDP auch im Chor nicht fehlen! Nur die arme SPD versucht noch verzweifelt, die Agenda ihres Altkanzlers zu verteidigen. Der DGB meint zu Recht, dass diese soziale Komponente nicht an anderer Stelle durch Kürzungen erkauft werden dürfte. Es ist zum Anfassen deutlich: Ist dies die Antwort von regierenden, gut situierten, ringsum satten und spitzenverdienenden Greisen auf den Ruf zum nachhaltigen und generationengerechten Wirtschaften in Nation und Land? Kennen sie in diesem Zusammenhang die Geschichte des Ackermanns des Landtages NRW, des Ex-Wirtschaftsministers Axel Horstmann? In seiner Amtszeit zuständig für die Energiewirtschaft, will er jetzt als Konzernbevollmächtigter für NRW für den Energieriesen Baden-Württemberg AG (EnBW) auftreten. Offenbar will Horstmann seinen früheren Ministerbonus noch für seine private Karriere ummünzen, denn nach nur kurzer Pause mutiert er vom Energieminister zum Lobbyisten in der zuvor beaufsichtigten Branche. Und damit steht er in guter Tradition des morallosen Verhaltens von Leuten wie Schröder oder Clement. Auch hier schimmert der Grundsatz durch: Stärkung der Starken. Lieber über die kleinen Leute reden und mit den großen Konzernen paktieren!
Verehrte Kolleginnen und Kollegen,
eine solche Grundeinstellung lähmt die Entwicklung einer ganzen Nation!
Sehr verehrte Damen und Herren,
„In Zukunft fördern wir Leistung“ betont NRW-Verkehrsminister Oliver Wittke und kündigt eine umfassende „Änderung“ des Gesetzes zum Öffentlichen Personennahverkehr an, die sich im Kern als nichts anderes entpuppt, als eine erhebliche Einschränkung des SPNV. Die Kombination der Berliner Sparpläne mit der Landesmentalität „Gummi ist billiger als Schiene“ führt zu wilden Streichungsorgien, vor allen Dingen im ländlichen Raum. In der Logik bedeutet weniger Geld auch weniger Verkehrsbewegungen im ÖPNV, also mehr Individualverkehr mit allen Konsequenzen. Und wie wir alle wissen, wird das Rumpfnetz für die Betroffenen, wie Pendler, stetig immens teurer. Auch hier wird das Prinzip des Systems „Die Starken zu fördern“ deutlich. Soll im Umkehrschluss, das was arm ist, denn bleiben, wo es ist?
3. Die CDU-dominierte Kreispolitik
oder: Schwarztöne in all ihrer Vielfalt
Sehr verehrte Damen und Herren,
da liegt er: Unser schöner, bunter Doppelhaushalt für die Jahre 2007/2008. Bei einer bescheidenen Einflussquote von nur ca. 3 %, bräuchten wir uns statistisch gesehen bei einem Gesamtumfang von 1700 Seiten, lediglich nur mit gut 50 Seiten zu beschäftigen. Doch bedauerlicherweise nimmt die dunklere Facette Schwarz des Landes auf die hellere des Kreises erheblichen Einfluss. Dies gefällt unserem schwarz-grauen Landrat Rosenke überhaupt nicht. Er erinnert den Ministerpräsident und seine Riege vom Rüttgers-Club daran, weniger Mumm zu sich zu nehmen und die Kürzung der Mittel für Weiterbildung um rund 18% zurückzunehmen. Mit dem Wahlversprechen der CDU-Landtagsfraktion sowie der Koalitionsvereinbarung zwischen CDU und FDP ist eine Reduzierung nicht zu vereinbaren. Doch wen schert es?
Weiterbildung wird als die vierte Säule des Bildungssystems in NRW proklamiert, aber rund 120 T€ fehlen allein der Kreis-VHS in den letzten 7 Jahren.
Vor dem Hintergrund von gleich bleibenden, per Gesetz verordneten Standards passt es nicht mehr! Welche Politik bestimmt die Zukunft? Wollen wir Bildung und Prävention nur für Besserverdienende? Oder verzichten wir gar auf den gesetzlichen Rahmen für Bildungsanforderungen? Allein dieser Punkt macht deutlich, dass wir an einem gesellschaftlichen Wendepunkt angelangt sind. Den Gesetzen des Marktes folgend, werden die dank ihrer finanziellen Mittel Besserqualifizierten die Jobs bekommen. Für das Bildungsprekariat gibt es die Sozial-Gesetzbücher zum Studium!
Sehr verehrte Damen und Herren,
widmen wir uns dem Kernpunkt des Doppelhaushaltes 2007/2008. In der Genehmigung des Haushaltes 2006, im August diesen Jahres, weist der RP deutlich auf die strukturellen Probleme, die eine Verstärkung der Konsolidierungsbemühen unvermeidlich machen, hin. Insofern kritisiert er scharf die Aussetzung des Tilgungsbeschlusses für innere Darlehen ohne Festlegung des Zeitpunktes einer Wiederaufnahme. Er macht unmissverständlich klar, dass sich die Problematik der Entschuldung bei den inneren Darlehen durch die Umstellung auf NKF nicht ändern wird. Einer Verlagerung von Lösungsansätzen erteilt er eine Absage.
Sehr verehrte Damen und Herren,
auch im NKF-Handbuch des Innenministers, steht die Generationengerechtigkeit im Mittelpunkt seiner Ausführungen. Welche Aufforderungen sind denn noch notwendig, damit Sie endlich begreifen, in welcher Schuldenfalle wir sitzen? Der Kreiskämmerer stellt beeindruckend die Konsequenzen der Aussetzung des Tilgungsbeschlusses als eine Grundlage des Haushaltes dar. Bis 2011 steigt die Verschuldung durch weitere Inanspruchnahme der inneren Darlehen auf ca. 93 Millionen Euro an.
Uns bleibt nur der sehnliche Wunsch, dass die Aufsichtsbehörden dieser kurzsichtigen Vorgehensweise eine Absage erteilen und die Haushaltsvorlage nicht akzeptieren. Meine Damen und Herren, die Zwischenzeit könnten Sie kreativ mit einem Besuch bei der Schuldner- und Insolvenzberatung verbringen, falls Sie einen Termin erhalten! Für die ganz Eiligen stände eine bundesweite Hotline, die Schuldner-Help-Line, zur Verfügung. Doch Vorsicht! Auch hier will der Staat künftig zulangen! Sollten Sie dennoch zu der unbeirrbaren Klientel der NKF-Umdeuter gehören, so empfehlen wir Ihnen dringend die Lektüre des Innenministeriums zum NKF oder mindestens die Ausführungen unseres Kreiskämmerers. Der Gesetzgeber sieht nämlich im Rahmen der bis 2009 zu erstellenden Eröffnungsbilanz ganz gezielt einen Substanzverzehr vor. In der Konsequenz heißt dies, dass spätestens im zweiten Jahr nach NKF alles wieder ist wie vorher oder mit dem Schuldenberg des Kreises am Bein eine Insolvenz unausweichlich ist. Auch wenn Ihnen momentan der Mut fehlt, so dürfen Sie spätestens ab 2009 verkünden, zwar das Beste für den Kreis mit seinen Städten und Kommunen rausgeschlagen zu haben, doch bedauerlicherweise die aus dem Gebührenhaushalt finanzierten Summen für eine sachgerechte Rekultivierung der Mechernicher Mülldeponie anderweitig aufgebraucht zu haben. Hierbei wünschen wir Ihnen gutes Gelingen und die entsprechenden Wahlergebnisse! Dieses Jahr können Sie aber durchaus bereits zum Warmlaufen nutzen. Der Deckelungsbeschluss von 87 Mio. € macht den zur Diskussion stehenden Doppelhaushalt nicht finanzierbar.
Der Verkauf des Kreis-Anteils an der Gemeinnützigen Baugesellschaft Euskirchen wird zur Deckung des Haushalts herangezogen. Zeugt dieser Vorschlag von der kreativen Leistung einer Verwaltung?
Hier stellt sich die Frage möglicher Konsequenzen. Mal ganz abgesehen davon, dass es sich bei den Zuführungen von ca. 4,5 Millionen Euro um Schätzwerte handelt und der exakte Bestand nicht beziffert ist, fordert der deutsche Mieterbund ein Ende von Verkäufen kommunaler Wohnungen zur Sanierung von Haushalten. Die Kommunen sollten sich nicht mehr von dem mit finanziellem Einsatz der Bürger entstandenen Sozialkapital trennen. Stattdessen müssen „kommunale Wohnungsunternehmen“ zur Lösung sozialer Versorgungsfragen erhalten und entwickelt werden. Dabei gilt es, besonders für die sicher nicht so schnell sinkende Zahl von Hartz IV-Empfängern eine Rechtssicherheit der Wohnungskosten zu schaffen. Außerdem sollte eine Reserve an Wohnungen für Menschen vorgehalten werden, die auf dem freien Wohnungsmarkt keine Chance haben. Die Darstellung der Kennzahlen des Kreiskämmerers zu den Bedarfsgemeinschaften von Arbeitslosengeld II-Empfängern zeigt eindrucksvoll den zu erwartenden Trend auf. Die Intention eines Käufers, sollte er denn gefunden werden, dürfte alles andere als an gemeinsozialen Gesichtspunkten ausgerichtet sein. Wie schwierig sich gegebenenfalls ein Verkauf von kommunalen Immobilien darstellt, zeigt, dass die Schulgebäude in Strempt sowie die Nikolausschule in Kall und auch das Bürogebäude am Schleidener Rathaus immer noch keinen Käufer fanden. Somit bleiben letztlich nur noch zwei Schwerpunkte der beeinflussbaren Bilanzen im Kreishaushalt.
1. Die freiwilligen Leistungen
Die Diskussion um die Schließung eines Jugend-Zentrums in Euskirchen belegt eindrucksvoll, wie sensibel die freiwilligen Leistungen mit sozialen Konsequenzen verwoben sind. Hiervon sollten wir tunlichst die Finger lassen! Die Kultur- und Museumswelt bietet hingegen noch Ansatzpunkte. Das private Engagement von interessierten Bürgern und Bürgerinnen in Blankenheim ist lobenswert und vorbildlich. Doch auch beim privaten Einsatz müssen Zuwendungen möglich bleiben. Außerdem muss ein politischer Bestandsschutz ausgesprochen werden. Hier sind Sie gefordert. Ihre Signale werden deutlich wahrgenommen. Beliebigkeiten zerstören das Vertrauen und auch privates Engagement hat Grenzen! Einstieg in den Ausstieg aus der Kulturförderung ist keine motivierende Form, die persönlichen Einsatz fördert!
Wie privates Engagement von kurzsichtiger Landespolitik zerstört wird, zeigt die Streichung des Heckepflegeprogramms. Der Erhalt von insgesamt 400 km der landschaftstypischen Windhecken in der Eifel steht auf dem Spiel. Es schert das Umweltministerium auch nicht, dass es die Heckenpflege, die bereits seit 20 Jahren erfolgreich läuft, noch vor 2 Jahren für notwendig gehalten hat. Diese Förderung hat eine eher symbolische Höhe. Die Streichung ist ein Zeichen der Geringschätzung!
2. Personalabbau
Gerade der Kreis muss sich in unserem strukturschwachen Gebiet sehr deutlich seines Hoheitsrechts als Arbeitgeber und der hieraus resultierenden Verantwortung bewusst sein. Natürlich ist auch hier mit Augenmaß die Stellschraube zu bedienen. Die Konsequenz des beschlossenen Personaleinsparkonzepts in Höhe von ca. 1,5 Millionen Euro lässt sich im Stellenplan der Kreisverwaltung ablesen.
Das Ende der Sparpolitik ist allerdings deutlich absehbar. Und wie fatal sich Unterbesetzungen auswirken, sehen wir z. B. im Aufgabengebiet der Kreisverwaltung bei der Lebensmittelkontrolle. Drei Lebensmittelkontrolleure waren im Jahr 2005 für 2257 Betriebe zuständig. Dies hat uns in einem Landes-Ranking immerhin die Note ungenügend beschert. Intern wissen wir aber, dass nicht 3 sondern zeitweise lediglich 2 Kontrolleure im Einsatz sind. Die Beanstandungsquote lag bei knapp 12 %. In der Stadt Bonn liegt diese Quote hingegen bei nahezu 60 %. Es ist wohl ausreichend deutlich, was da alles noch so unter der Decke schlummert.
Ministerpräsident Rüttgers liegt auch mit seiner Forderung völlig daneben, die Zahl der Kontrolleure mindestens zu verdoppeln, allerdings die finanzielle Ausgestaltung hierzu zu verweigern. Demnach scheint Rüttgers dem Prinzip der Landesregierung von der „Stärkung der Starken“ noch den Grundsatz des „Forderns ohne Förderung“ hinzuzufügen. Was für ein Segen, dass wir im Rahmen des Verbraucherschutzes wenigstens die Verbraucherzentrale mit ihrer kompetenten Hilfe für die nächsten Jahre in ihrem Bestand sichern konnten.
Sehr verehrte Damen und Herren,
erinnern wir uns an den Wahlkampf unseres hochgeschätzten Kollegen Clemens Pick „Wenn die CDU die Wahl gewinnt, wird es den ländlichen Regionen besser gehen, denn die CDU vertritt die Interessen der ländlichen Bevölkerung“. Der Kollege zeigt nach seiner Wiederwahl wenig Verständnis für die Nöte der Bürgermeister, bei denen eher das Gegenteil ankommt. In seinem Märchen im Stadtanzeiger schrieb er, dass es nach der Regierungsübernahme durch die CDU Taler regnen und sich alles zum Bessern wenden werde.
Konfrontiert mit dieser Kritik ließ er der Presse mitteilen: „Sie müssen nur mal genauer hinsehen, welchen Luxus sich manche Gemeinden leisten, die tief im Haushaltssicherungskonzept stecken“. Auf Nachfrage blieb er allerdings ein konkretes Beispiel schuldig. Bei diesen Problemfeldern ducken sich in der Diskussion unsere Bundes- und Landtagsabgeordneten einfach weg. Kritik an der Landesregierung, an der Schul- und Jugendpolitik sowie der Bildungspolitik, halten sie für nicht angebracht. In diesem Atemzug lässt Kollege Pick auch keine Kritik an den Kürzungen in der offenen Jugendarbeit zu: In den Brennpunkten, an den die Jugendlichen sich treffen, habe er noch nie einen Betreuer gesehen. Nun ja, zugegebenermaßen für politisch Kurzsichtige eine wahrhaft schwere Aufgabe. Wer auf der einen Seite den Scharfmacher raushängen lässt, ist auf der anderen Seite auch zur Vorlage konstruktiver Ansatzpunkte gefordert. Es sieht, sehr verehrte Damen und Herren, um unsere Abgesandten im Land und Bund doch eher traurig aus. Stellenweise drängt sich gar der Verdacht auf, als ob ein Wettstreit entbrannt ist, wer die beste Politik gegen seine Kommune betreibt.
Diese Aussage scheint der Grundüberzeugung der Landesregierung zu entsprechen. Der Umweltminister Uhlenberg bei seinem Besuch in der Eifel: „Die Menschen vom Lande, die klagen nicht lange und demonstrieren nicht viel. Sie besinnen sich auf ihre Stärken und packen an“. Mit anderen Worten: Mit denen können wir es machen, die wehren sich nicht!
Sehr verehrte Damen und Herren,
besinnen wir uns auf unsere eigenen Stärken und hoffen nicht darauf, für unser ländliches strukturelles Problem in übergeordneter Politik Verständnis oder gar Vertretung zu finden. Erfolgsrezepte scheinen nur mit eigener örtlicher Kraft zu stemmen zu sein. Als lobendes Beispiel stellen wir hier explizit das zweistufige neue Frühwarnsystem zum Schutz der Kinder heraus. Während auf der einen Seite Personen und Institutionen zur Analyse und Beobachtung zu schulen sind, wird parallel die Dialogbereitschaft ausgebaut. Sogar Mittel tun sich für diese unabdingbare soziale Notwendigkeit auf. Bravo, Herr Landrat, auch wenn es lange dauerte, bis unsere Überzeugungen realisiert wurden! Weitere Potenziale zur logistischen Verbesserung wären durch ein mindestens kreisweites aufzubauendes Entsorgungssystem zu heben. Doch solche Ideen scheitern momentan an dem Machterhalt der Kommunalfürsten.
Sehr verehrte Damen und Herren,
da in dargelegter Weise weder der Doppelhaushalt 2007/2008 noch die zugrunde liegende Finanzstrategie bis zum Jahre 2011 zukunftsfähig ist, lehnen wir den Doppelhaushalt ab. Wir erkennen keinerlei Ansatz oder auch nur ansatzweise die Bereitschaft, in eine geordnete Tilgung der Schulden einzutreten.
97 % unseres Kreishaushaltes sind nicht vor Ort zu beeinflussen, oder anders formuliert: Die Zukunft der kommunalen Gemeinschaft liegt in den Händen der Bundes- und Landespolitik. Solange es gilt, die Starken zu stärken und zu fordern ohne zu fördern, nimmt man uns vor Ort den Gestaltungsspielraum der eigenen Zukunft.
Sehr geehrter Herr Landrat,
es ist bedauerlich, dass die eigene Partei Sie bei Ihren Vorstellungen einer nachhaltigen Haushaltplanung zum Schuldenabbau im Stich lässt. Sie haben durchaus Grund, sich Gedanken um Ihre politischen Zukunft zu machen. Da Bündnis 90/Grüne immer auf der Suche nach fähigen Menschen ist, erhalten Sie heute von mir einen Aufnahmeantrag. Als Bedingung stellen wir jedoch den Besuch eines Intensivseminars, etwa mit dem Schwerpunkt „Respekt und Toleranz im Umgang mit politisch anders Denkenden in Kreistagssitzungen“. Wir bedanken uns an dieser Stelle bei Ihnen und Ihrer Verwaltung für die geleistete Arbeit und insbesondere bei dem Kreiskämmerer, Herrn Hessenius, für die zeitintensive Begleitung unserer Diskussionen.
Aus besonderem Anlass weise ich darauf hin, Urheber dieses, wie auch anderer Vorträge im Kreistag zu sein.
Jörg Grutke
- Fraktionsvorsitzender -